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Nachtrag: Don’t call it Ho-Chi-Minh-City!

Wir sind in Saigon. Das ist wichtig zu betonen, denn andere fahren nach Ho-Chi-Minh-City, wie die Stadt inzwischen eigentlich heißt, doch wir fahren nach Saigon. Lisas Eltern sind 1979 mit dem Boot geflohen. Vor dem sozialistischen Regime, das Saigon und damit Südvietnam im April 1975 eingenommen hat, vor den Umerziehungslagern, vor der Armut, die Jahrzehnte des Krieges hinterließen, vor neuen Kriegen mit China und Kambodscha, für die junge Männer im ganzen Land eingezogen wurden. Deswegen ist für sie Ho-Chi-Minh kein kultiger Onkel der Nation und eine Reise in ihr Geburtsland immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, denn die sozialistische Propaganda ist an jeder Straßenecke sichtbar.

Lisas Vater ist mit 21 auf eigene Faust geflohen, da war sein Bruder, bei dem wir in Saigon zu Besuch sind, gerade 10 Jahre alt. Inzwischen sind er und seine Frau durch mehrere Modeläden und Immobiliengeschäfte wohlhabend und können sich ein geräumiges Haus in der Stadt leisten. Wie viele haben sie von der wirtschaftlichen Öffnung des Landes infolge des Zerfalls der Sowjetunion und einer Hyperinflation profitiert. Ihre politische Einstellung beschert ihnen trotzdem noch immer Probleme. Als vor Kurzem bei ihnen eingebrochen wird und die Polizei eintrifft, erkennt einer der Polizisten Lisas Onkel, der aus seiner Abneigung gegenüber dem politischen System keinen Hehl macht. Die Polizei entscheidet sich, wieder zu fahren, ohne eine Anzeige aufzunehmen.

Bei all den Traumstränden, der faszinierenden Natur und der spannenden Kultur lässt man solche Aspekte wie die politische Situation natürlich gerne außer Acht, solange sie einen selbst nicht direkt betreffen. Wie ist der richtige Umgang mit diesem Thema? Unterstützen wir dieses System nicht auch irgendwie durch unsere Reise hier?  Bei wem landet das Geld, das wir hier ausgeben? Auf der einen Seite soll die Bevölkerung, die Jahrzehnte des Kriegs und der Armut erlebt hat, natürlich vom Tourismus profitieren und das wird sie bis zu einem gewissen Grad auch. Auf der anderen Seite fühlt es sich auch komisch an, die Touristenstände mit T-Shirts von Ho-Chi-Minh zu sehen. Auch diese Medaille hat leider zwei Seiten.

Zurück zur Stadt: Saigon ist die größte Stadt Vietnams und hat als Wirtschaftsmetropole ein sehr modernes Erscheinungsbild. Wolkenkratzer, viele Modegeschäfte, Einkaufszentren, ein U-Bahn-Netz wird gebaut. Auch hier regieren aber die Gegensätze. Auffallend viele Nobelkarossen und SUV’s bekannter Marken drängen sich durch die Moped-Massen. Gleichzeitig zeigen sich, je weiter man von den Hauptstraßen in die Nebenstraßen vordringt, teils sehr arme Verhältnisse. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es gerade in Saigon inzwischen auch eine Mittelschicht gibt, die sich westliche und asiatische Markenprodukte leistet.

Nicht nur als Wirtschaftsmetropole, auch als Partyhochburg ist Saigon bekannt. Die Bui-Vien-Street ist bekannt für ihre vielen Streetfood-Stände, doch über die Jahre ist sie mehr und mehr zur Partymeile geworden. Vor vier Jahren saßen wir noch auf den typischen roten und blauen Plastikhockern vor einem kleinen Lokal, das aussah, als hätte eine Familie kurzerhand ihr Wohnzimmer in eine grell ausgeleuchtete Bar umgewandelt (wie es bei vielen Streetfood-Läden tatsächlich oft der Fall ist). Heute gibt es nur noch wenige dieser Läden. Viele wurden ersetzt durch riesige bunt beleuchtete Partytempel, die in unerträglicher Lautstärke die Straße beschallen. Abends ist die Straße teils so überfüllt, dass man durch die Menschenmassen kaum einen Meter vorankommt. Wenn man allerdings einen Sitzplatz ergattert und das Treiben beobachten kann, wird die Szenerie schnell zu einem unterhaltsamen Schauspiel.

Die Zeit hier in Vietnam ist anders als die Flugzeuge der deutschen Bundesregierung: Sie fliegt (ist Karneval eigentlich schon vorbei?). Die vielen positiven und negativen Besonderheiten dieses Landes sind nach wie vor faszinierend, wenngleich sie beim zweiten Besuch natürlich nicht mehr so neu und überraschend sind. Das eindeutige Highlight unserer Vietnamreise war die Höhlen- und Dschungeltour im Phong Nha-Nationalpark. Jedem, der Vietnam besucht, kann ich eine solche Tour wärmstens empfehlen, zumal das Gebiet noch nicht so überlaufen ist wie andere Spots in Vietnam. Auch der längere Aufenthalt in der Nähe von Hoi An war sehr schön. Das kleine Fischerdorf ist zwar schon jetzt voll mit Touristen aber die Gegend bietet noch angenehm leere Strände und günstige Preise. Die unzähligen im Bau befindlichen Resorts zwischen Da Nang und Hoi An werden auch das vermutlich bald ändern.

Für uns geht es noch eine Woche nach Thailand, auf die größte Insel Phuket und nach Bangkok. Ich werde vermutlich keine Zeit finden, dort noch weiter zu schreiben. Bei der nächsten Vietnam-Reise in fünf, zehn oder 20 Jahren gibt es dann ja vielleicht an dieser Stelle einen Foodblog oder ähnliches. Einen Titel hätte ich schon: Vietnam Mjam Mjam! In diesem oder vielleicht auch einem anderen Sinne: Tschüss und Chao!

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