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Folgenschwere Weichenstellung

Wenn ich an unsere letzte Fahrt im Wiedervereinigungsexpress vor vier Jahren denke, habe ich eigentlich ausschließlich positive Erinnerungen: Einzelsitze, Beinfreiheit, ein angenehm klimatisiertes Abteil, der Sonnenaufgang zwischen Bergen und Meer, das eigentümliche, aber irgendwie auch unterhaltsam-skurrile Rail-TV, das ab 6 Uhr morgens den gesamten Waggon beschallte. Womöglich war ich es, der aufgrund dieser nostalgischen Erinnerungen zur treibenden Kraft in der Planung wurde, auch diesmal einen Teil der Reise auf der berühmten Zugstrecke zu absolvieren, die den Norden und den Süden Vietnams verbindet. Ich wurde jedenfalls bereits mit Chatprotokollen konfrontiert, die diesen Schluss nahelegen könnten und aller Voraussicht nach vor dem Reisetribunal gegen mich verwendet werden. Elf Stunden Fahrt über Nacht von Da Nang nach Nha Trang, was kann da schon schief gehen… Was soll ich sagen?  In diesem Fall hatte ich mit meiner Bewerbung des Reisemittels die Weichen für ein mittelschweres Fiasko gestellt.

Im Nachhinein kann man natürlich schlaumeierisch feststellen, wie klar es ist, dass der Langstreckenzug an einem Wochenende extrem viel voller ist als unter der Woche. Wenn dann eine Reisegruppe von acht Personen samt dreiwöchiger Bekofferung den Waggon entert, wird die Gepäckablage schon mal eng. Zumal gefühlt jeder im prall gefüllten Waggon auch noch säckeweise Reis und sämtliche andere Lebensmittel transportierte. Der Sack Reis ist für Vietnamesen wie das Baguette für die Pariser offenbar ein unabdingbares Accessoire zum Abrunden des Outfits. Fragwürdig. So entstand letztendlich durch vier unserer Koffer im Gang ein Nadelöhr, was die Sitze von mir und meinen Vorderleuten zu beliebten Rempelobjekten von durchgehenden Passagieren machte: Schlafhemmnis Nummer eins.

Dabei war ich beim Einsteigen in den Zug noch verhalten optimistisch, dass wir erneut eine angenehme Fahrt haben würden. Einige Sekunden zumindest, bis mir noch bevor ich überhaupt den ersten Sitz gesehen hatte, zwei Kakerlaken ins Blickfeld krabbelten. Als ich dann endlich saß, lief noch eine dritte über die Zugwand und sorgte, obwohl ich hinsichtlich jeglichen Krabbeltieren nicht überempfindlich bin, für ein konstantes Kribbelgefühl. Wenn das Gefühl diese Liebe ist, von der alle sprechen, bleibe ich dem Konzept gegenüber skeptisch. Bei mir sorgte es eher für Schlafhemmnis Nummer zwei.

Als ich dann fast schon trotzig versuchte, mich irgendwie in den Schlaf zu zwingen, war mein Hintermann offenbar auf der Suche nach einer angenehmeren Sitz/Liegeposition. Es ruckelte ein wenig, aber ich konnte es gut nachvollziehen, schließlich hatte ich ja selber Schwierigkeiten, eine gemütliche Schlafstellung zu finden. Als ich meinen Kopf aber nach rechts drehte, war es mit meiner Nachsicht schnell vorbei: Füße. Zwischen den Sitzen, direkt neben meinem Kopf. Ein flüchtiger Blick ins Abteil offenbarte mir aber, dass die eigentlich allgemein gültige Fremde-Füße-Kopf-Distanz an diesem verrückten Ort außer Kraft zu sein scheint. Definitiv ein Fall für eine Resolution der Vereinten Nationen, in meinem Fall jedoch erstmal Schlafhemmnis Nummer drei.

Immerhin: Ein ganz klein bisschen Heimatgefühl kam im Zug dann doch noch auf. Ganz im Stil der Deutschen Bahn streikte bei auch abends noch knackigen 25 Grad die Klimaanlange in unserem Waggon und ließ die Luft samt Fußgeruch, Schweiß und sonstigen Düften zu einer heißen Brühe verschmelzen, in der wir schon nach kurzer Zeit vor uns hin garten. Vielleicht ist das ja auch das Geheimnis hinter dem einmaligen Geschmack des vietnamesischen Nationalgerichts Pho. Einfach eine Ampulle des Waggonkondensats in den Kochtopf, zack fertig – Streetfood. Mein dicker Pullover und meine Jogginghose blieben jedenfalls im Rucksack und die Hitze und alle anderen Schlafhemmnisse sorgten für eine unruhige Nacht.

Die morgendlichen Blicke aus dem Fenster entschädigten aber schon für den Schlafentzug. Der Sonnenaufgang über dem Meer, kleine Fischerboote, weite Reisfelder – diese Bilder waren es doch, die mich so von der letzten Zugfahrt schwärmen ließen. Und auch wenn der Komfort in diesem Fall nicht gegeben war, so hatten wir doch ein absolut authentisches Reiseerlebnis und mussten nicht noch mehr fliegen als ohnehin schon. Auch ok

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